Flucht-Tier & Jäger auf Augenhöhe

Bodenarbeit wird immer noch unterschätzt...

Bodenarbeit - nur sinnloses Herumgefuchtel? Wohl kaum. Die Arbeit mit dem Pferd vom Boden aus ist sehr wichtig für das Pferd-Mensch-Verhältnis, denn hier treffen Fluchttier & Jäger aufeinander. Sie fördert und fordert die gemeinsame Kommunikation. Zum besseren Verständnis zwischen dem Reiter und seinem Pferd sollte die Bodenarbeit in jedem Trainingsplan Einzug finden. Doch die erfolgreiche Arbeit am Boden mit dem Pferd ist nur dann möglich, wenn man sich als Mensch darauf einlässt, mit dem Pferd in seiner eigenen Körpersprache zu kommunizieren. Nur wer bereit ist, die Signale seines vierbeinigen Partners zu erlernen und zu verstehen, wird in den Genuss einer erfolgreichen Arbeit vom Boden aus kommen.

Mehr als ein Lückenfüller

Bodenarbeit ist keinesfalls nur ein Lückenfüller für den Trainingsplan, wenn die Zeit und Lust zum Reiten fehlt. Sie ist eine willkommene Abwechslung im Alltag des Pferdes. Man kann sein Pferd nicht nur körperlich, sondern auch mental fördern. Die Arbeit vom Boden aus ist enorm wichtig. In Verknüpfung mit dem Reiten kann man sein Pferd gezielter trainieren und zur Erhaltung der Gesundheit seines Partners zusätzlich beitragen. Die Begegnung von Pferd und Mensch am Boden ist eine ganz andere, als vom Sattel aus. Man muss sich dem Tier in der Pferdesprache mitteilen.

Eine Frage der Rangfolge

Jeder Reiter hat seine eigene Routine im Stall. Doch mit der Routine schleichen sich auch gerne Fehler ein. Hier ein Beispiel:
Das Pferd hat keine Lust, von der Koppel geholt zu werden. Nachdem der Reiter es nach einer zehnminütigen Verfolgungsjagd endlich eingefangen hat, hat das Pferd es so eilig, dass es sich im Trab auf den Weg zum Stall macht. Anschließend drängt es in die Box. Beim Putzen scharrt das Pferd ungeduldig. Beim Aufsitzen geht es bereits los, bevor der Reiter überhaupt das Bein über den Sattel geschwungen hat.

 

Solche Unarten können schnell gefährlich werden, sowohl für den Reiter, als auch für das Pferd. Das Pferd kennt seinen Platz in der Rangordnung nicht. Wenn die Positionen nicht klar sind, wird das Pferd seine Grenzen immer weiter austesten. Hat das Pferd keinen verlässlichen Partner, der es in den gemeinsamen Aufgaben anführt und beschützt, entscheidet es selbst; das ist die Natur des Pferdes.

Was tun, um eine neue Vertrauensbasis zu schaffen ?

Probleme, die am Boden auftauchen, müssen auch vom Boden aus in Angriff genommen werden. Doch HALT! Die Bodenarbeit ist kein Dominanztraining. Das Pferd soll nicht einfach nur gehorchen, sondern verstehen. Hier gilt es, respektvoll mit dem Tier zu kommunizieren und sich auf die Körpersprache und Signale der Pferde einzulassen. Dazu braucht man kein teures Equipment oder ein nagelneues Roundpen. Man kann mit der Bodenarbeit bereits auf der Koppel, im Stall und in der Reithalle beginnen.

Verstehen und anführen, anstatt zu schimpfen

Hier ein Beispiel. Man stellt das Pferd neben die Aufsteighilfe. Aber anstatt sofort aufzusteigen und loszureiten, soll das Pferd einfach entspannt stehen bleiben. Tut es das, wird es mit der Stimme gelobt. Bleibt das Pferd nicht stehen, sondern bewegt sich weg, ist es wichtig, das Pferd auf keinen Fall zu schimpfen. Stattdessen sollte man ohne Worte mit dem Pferd kommunizieren und es ruhig und gelassen zurück an die Aufsteighilfe führen. Führt man es mit Stress zurück, ist es nur logisch, dass es bei dieser stress-belegten Aufgabe unter Druck ist und diese lieber meiden möchte.

 

Natürlich wird das nicht beim ersten Anlauf perfekt funktionieren. Jedoch Übung macht den Meister. Für viele Reiter und Pferde ist diese Art von Kommunikation auf Augenhöhe völlig neu. Solche Übungen lassen sich auf sehr viele weitere Bereiche im Reiteralltag ausweiten. Im Handumdrehen kann die Motivation des Pferdes gesteigert werden, es dem Partner Mensch, gerne recht machen zu wollen.

Das passende Equipment

Es gibt vielerlei Zubehör in der Welt der Bodenarbeit. Aus der Erfahrung heraus empfiehlt sich jedoch besonders die Arbeit mit einem Kappzaum, wie er auch gerne zum Longieren verwendet wird. Ein solcher Zaum wirkt über das Nasenbein und nicht über das empfindliche Pferdemaul. Bei korrektem Einsatz kann man gezielt das Genick und somit die Wirbelsäule des Pferdes erreichen und den Rücken aufbauen, ohne den Unterkiefer unnötig zu belasten. Doch Vorsicht! Beim Kauf eines Kappzaums ist nicht nur die richtige Passform wichtig. Bitte außerdem darauf achten, dass keine Stahlbänder oder Naseneisen verarbeitet wurden. Diese können - vor allem in unerfahrener Hand - schnell zu starken Verletzungen führen.

Abschließend lässt sich sagen...

...Bodenarbeit ist weit mehr, als ein Laufen lassen im Roundpen oder ein Longieren auf dem Zirkel. Denn Bodenarbeit bedeutet, zwei von Grund auf verschiedene Lebewesen, nämlich einen Jäger und ein Fluchttier, auf einer gemeinsamen Verständnisebene zu vereinen. Dass Stress, Angst und Zeitdruck dabei völlig fehl am Platz sind, erklärt sich beim Fluchttier Pferd von selbst. Der Mensch sollte Vertrauen anbieten und Ruhe, Gelassenheit und Motivation mitbringen. So können Mensch und Pferd Spaß an der Bodenarbeit erfahren und immer öfter Lernerfolge verbuchen.

Es ist empfehlenswert, sich gerade in der Anfangsphase in der Bodenarbeit mit seinem Pferd einen Trainer an die Hand zu holen. Ein qualifizierter Trainer wird jedem Reiter helfen, die passende Art der Kommunikation und Bodenarbeit für sich und sein Pferd zu entdecken und erfolgreich umzusetzen.

 

Von Dragana Zirkel

Don Dexter Therapy